Erdkauter Weg 40-50, Gießen, Deutschland
Aus einer kleinen Gießener Ziegelbrennerei entwickelte sich innerhalb weniger Jahrzehnte ein Weltunternehmen, dessen keramische Fliesen Olympiaschwimmbecken, U-Bahn-Tunnel und öffentliche Bauten auf mehreren Kontinenten prägten. Was in Gießen begann, wurde zu einem internationalen Aushängeschild der mittelhessischen Industriegeschichte und zu einem der bedeutendsten Beispiele dafür, wie aus regionalen Rohstoffen, technischem Erfindergeist und unternehmerischem Mut ein Unternehmen von Weltrang entstehen konnte.
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Aus einer kleinen Gießener Ziegelbrennerei entwickelte sich innerhalb weniger Jahrzehnte ein Weltunternehmen, dessen keramische Fliesen Olympiaschwimmbecken, U-Bahn-Tunnel und öffentliche Bauten auf mehreren Kontinenten prägten. Was in Gießen begann, wurde zu einem internationalen Aushängeschild der mittelhessischen Industriegeschichte und zu einem der bedeutendsten Beispiele dafür, wie aus regionalen Rohstoffen, technischem Erfindergeist und unternehmerischem Mut ein Unternehmen von Weltrang entstehen konnte.
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Aus einer kleinen Gießener Ziegelbrennerei entwickelte sich innerhalb weniger Jahrzehnte ein Weltunternehmen, dessen keramische Fliesen Olympiaschwimmbecken, U-Bahn-Tunnel und öffentliche Bauten auf mehreren Kontinenten prägten. Was in Gießen begann, wurde zu einem internationalen Aushängeschild der mittelhessischen Industriegeschichte und zu einem der bedeutendsten Beispiele dafür, wie aus regionalen Rohstoffen, technischem Erfindergeist und unternehmerischem Mut ein Unternehmen von Weltrang entstehen konnte.
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Aus einer kleinen Gießener Ziegelbrennerei entwickelte sich innerhalb weniger Jahrzehnte ein Weltunternehmen, dessen keramische Fliesen Olympiaschwimmbecken, U-Bahn-Tunnel und öffentliche Bauten auf mehreren Kontinenten prägten. Was in Gießen begann, wurde zu einem internationalen Aushängeschild der mittelhessischen Industriegeschichte und zu einem der bedeutendsten Beispiele dafür, wie aus regionalen Rohstoffen, technischem Erfindergeist und unternehmerischem Mut ein Unternehmen von Weltrang entstehen konnte.
Die Wurzeln der Familie Gail liegen jedoch nicht in der Keramik, sondern im Tabak: 1812 gründete Georg Philipp Gail in Gießen eine Rauchtabak- und spätere Zigarrenfabrik, die über Generationen zu einem der bedeutendsten Tabak- und Zigarrenbetriebe der Region heranwuchs und über ihr Filialsystem weite Teile Mittelhessens prägte.
Am südöstlichen Rand von Gießen, entlang der Bahnstrecke Gießen–Gelnhausen im Erdkauter Weg, betrieb der Gießener Maurermeister Wilhelm Steinbach seit 1890 eine Dampfziegelei – eine für die damalige Zeit typische Anlage, in der Dampfmaschinen den Betrieb antrieben und die im Zuge der fortschreitenden Industrialisierung die traditionelle, handwerkliche Ziegelherstellung ablöste. Wilhelm Gail, der als Alleininhaber der väterlichen Zigarrenfabrik bereits zu den vermögendsten Männern Gießens zählte, beteiligte sich zunächst finanziell an diesem Betrieb. Als Steinbach in wirtschaftliche Schwierigkeiten geriet, übernahm Gail das Unternehmen 1891 vollständig und gründete daraus die Firma „Gail’sche Dampfziegelei und Thonwaarenfabrik“.
Warum entstand das Werk genau in Gießen?
Die Standortwahl war kein Zufall, sondern folgte den geologischen Gegebenheiten des Gießener Beckens. Entlang des Erdkauter Wegs fanden sich Tonvorkommen von außergewöhnlicher Qualität: feinkörnig, gleichmäßig in der Beschaffenheit und so hitzebeständig, dass sich die Tonscherben bei Temperaturen von bis zu 1500 Grad Celsius brennen ließen, ohne an Festigkeit zu verlieren. Zugleich erwiesen sich die Brennergebnisse als frost-, säure- und laugenbeständig – Eigenschaften, die den Ton für hochwertige Baukeramik geradezu prädestinierten. Hinzu kam die verkehrsgünstige Lage direkt an der Eisenbahnlinie Gießen-Gelnhausen, über die sowohl Rohstoffe herangeschafft als auch die fertigen Produkte europaweit versandt werden konnten. Damit vereinte der Standort genau jene Faktoren, die im ausgehenden 19. Jahrhundert über den Erfolg eines Industriebetriebs entschieden: Rohstoffvorkommen, Bahnanschluss und ein Unternehmer, der bereit war, in neue Technik zu investieren.
Wilhelm Gail ließ die Werksanlage vom Berliner „Ziegeleitechnischen Büro Otto Bock“ neu konzipieren; die Ausführung leitete der erfahrene Ingenieur Raimund Wagenschein, den Gail 1892 als Betriebsleiter gewann. Entstanden ist ein dreistöckiges, massives Ringofentrockengebäude nach dem Prinzip des Hoffmannschen Ringofens sowie eine Drahtseilbahn zur Ton- und Sandbeförderung. Schon im Gründungsjahr beschäftigte das junge Unternehmen 47 Arbeiter, einen Angestellten und einen Aufseher – eine für die Region beachtliche Belegschaft.
Die Gail’sche Tonwarenfabrik steht exemplarisch für den Wandel Mittelhessens zu einem international erfolgreichen Industriestandort. Sie zeigt, wie aus regionalem Rohstoff, wissenschaftlich fundierter Produktionstechnik und dem Weitblick eines einzelnen Unternehmers binnen weniger Jahre ein Betrieb von Weltgeltung entstehen konnte. Nach anfänglichen finanziellen Verlusten – die Wilhelm Gail nur mithilfe des Vermögens seines Schwiegervaters, Dr. Friedrich Mahla, überstehen konnte – gelang der Firma bereits Mitte der 1890er-Jahre die Wende in die Gewinnzone. 1893 beschäftigte das weiter ausgebaute Werk bereits 111 Mitarbeiter.
Ab 1901 kooperierte die Fabrik mit der Darmstädter Künstlerkolonie auf der Mathildenhöhe und lieferte glasierte wie unglasierte Steine für mehrere Villen sowie das Ernst-Ludwig-Haus. Größere Aufträge glasierter Baukeramik gingen an die Stadt Frankfurt am Main, an die Stadt Darmstadt für den Bau des Hochzeitsturms sowie an den Sprudelhof in Bad Nauheim. Ab 1904 wurden die neu entwickelten, dünnen Verblendplättchen bereits nach St. Petersburg, Moskau, Göteborg, Deventer und Brüssel exportiert; Russland war bis zum Ersten Weltkrieg das wichtigste Exportland. Parallel dazu belieferte das Werk die Reichsbahn mit Tunnelklinkern für die Verblendung von Eisenbahntunneln.
Mit Kriegsbeginn 1914 brach der russische Absatzmarkt vollständig weg, das Werk musste mit seinen damals 258 Beschäftigten zeitweise schließen. 1920 wurde das Unternehmen als „Wilh. Gail’sche Tonwerke AG“ in eine Aktiengesellschaft umgewandelt; den Aufsichtsratsvorsitz übernahm Wilhelm Gail selbst, den Vorstand Raimund Wagenschein. Inflation und Absatzkrisen führten 1922 zu einer erneuten, bis Ende 1923 währenden Stilllegung. Nach dem Tod Wilhelm Gails 1925 führte sein Sohn Dr. Georg Gail das Unternehmen fort und akquirierte unter anderem den Großauftrag für die neue Frankfurter Großmarkthalle. Ein Großfeuer zerstörte 1929 das Ringofengebäude; ab 1933 standen zunehmend staatliche Aufträge für Wehrmachtsbauten im Vordergrund, ehe die Bombenangriffe der Royal Air Force im Dezember 1944 die Tonwerke nahezu vollständig zerstörten.
Der Wiederaufbau begann rasch: Bereits 1947 lief die Fliesenproduktion wieder an, nun mit Schwerpunkt auf Keramik für Sportanlagen und Schwimmbäder. Nach dem Tod Georg Gails 1950 übernahm sein Schwiegersohn Dr. Walter Rumpf die Leitung, unterstützt von den Keramikfachleuten Walter und später Fritz Pohl. In den 1960er- und 1970er-Jahren, im Zuge großer Bauprojekte, war hochwertige Architekturkeramik erneut gefragt – etwa für die Verblendung des neuen Elbtunnels in Hamburg. 1972 gründete das Unternehmen im brasilianischen Guarulhos bei São Paulo eine Tochtergesellschaft, die bis heute besteht und dort Marktführer für Architekturkeramik ist; eine weitere Produktionsstätte entstand in Südafrika. 1974 beschäftigten die sechs Produktionsstandorte des Unternehmens zusammen rund 1500 Mitarbeiter und erzeugten knapp 200.000 Tonnen Keramik pro Jahr; 1980 waren es am Standort Gießen allein etwa 1600 Beschäftigte.
Warum waren Gail-Produkte weltweit gefragt?
Der internationale Ruf der Gail’schen Tonwerke gründete auf einer seltenen Kombination: gleichbleibend hoher, wissenschaftlich abgesicherter Produktqualität, kontinuierlicher technischer Innovation und der Fähigkeit, sich immer wieder neuen Verwendungszwecken anzupassen – von der Tunnelverblendung über Fassadenkeramik bis zur Schwimmbadausstattung. Auszeichnungen und Anerkennungen von Weltausstellungen und internationalen Bauherren bestätigten über Jahrzehnte hinweg, dass Produkte „made in Gießen“ zur absoluten Weltspitze der Baukeramik gehörten.
Warum war Keramik damals ein Hightech-Produkt?
Um 1900 war qualitativ hochwertige, wetterfeste und farbstabile Baukeramik alles andere als Massenware: Ihre Herstellung verlangte präzises Wissen über Tonmineralogie, Brenntemperaturen und Glasurchemie. Ansprechende, langlebige Fassadenkeramik wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts im expandierenden Städtebau massenhaft benötigt, doch nur wenige Hersteller beherrschten die Verfahren, die gleichbleibende Qualität in großen Stückzahlen garantierten. Genau hier setzte Gail an: Er ließ die Herstellung von Verblendkeramik wissenschaftlich untersuchen, statt sich auf Erfahrungswerte und Zufall zu verlassen – ein für die Branche damals ungewöhnlich systematischer Ansatz.
Warum war Gail so innovativ? Welche Innovationen gingen von Gail aus?
Das „Chemische Laboratorium für Tonindustrie“ des Berliner Wissenschaftlers Dr. Hermann August Seger untersuchte im Auftrag Wilhelm Gails verschiedene Tonsorten und erprobte Glasur- und Farbgebung; gemeinsam mit der Frankfurter Firma Degussa wurden umfangreiche Glasurversuche durchgeführt. In Verbindung mit verbesserten Brennverfahren erreichte das Werk dadurch eine für die Zeit herausragende Ziegel- und Glasurqualität. Vom Ringofengebäude wurde ein Modell angefertigt, das 1893 auf der Weltausstellung in Chicago gezeigt wurde und heute im Deutschen Museum in München verwahrt wird. Das steht für den technischen Anspruch des Unternehmens. Auffällig war zudem das übereinandergestapelte Anordnen sämtlicher Verarbeitungsmaschinen, das eine nahezu automatisierte, vertikale Produktionskette ermöglichte, ergänzt um eine fein regulierbare Trockenanlage über dem Ringofen. Ingenieur Raimund Wagenschein und leitende Mitarbeiter unternahmen – teils gemeinsam mit Wilhelm Gail selbst – Studienreisen durch Europa, um Verbesserungen kennenzulernen; Verbesserungsvorschläge aus der Belegschaft wurden geprüft und im Erfolgsfall honoriert. Bereits 1893 ließ Wilhelm Gail sein Wohnhaus elektrisch beleuchten, das Werk folgte 1919 mit eigenem elektrischem Anschluss.
Welche technischen Entwicklungen gingen von hier aus?
Das Produktprogramm entwickelte sich von einfachen Verblendsteinen, schwarz glasierten Dachziegeln, Drainageröhren und Kaminsteinen hin zu immer spezialisierteren Erzeugnissen: dünne Verblendplättchen ab 1904, Tunnelklinker für den Eisenbahnbau, später keramische Spaltplatten als Wand- und Bodenbelag. Als einer der ersten Hersteller überhaupt entwickelte Gail nach dem Zweiten Weltkrieg ein eigenständiges Programm an Schwimmbad-Keramik – glasierte Rinnsteine, Beckenrandsteine, doppelseitig glasierte Zellwandsteine und Einstiegstreppen in vielfältigen Farbvarianten. Diese Spezialisierung sollte dem Unternehmen über Jahrzehnte hinweg internationale Großaufträge im Schwimmbad- und Sportstättenbau sichern.
Welche Bedeutung hatte das Werk für die Stadt Gießen und Mittelhessen?
Nicht Textilindustrie, Bergbau oder Hüttenwesen waren die eigentlichen Motoren der Industrialisierung im Gießener Raum, sondern zunächst die Tabak- und in der Folge die Keramikverarbeitung der Familie Gail. Die Gail’schen Tonwerke wurden binnen weniger Jahrzehnte zum größten Arbeitgeber der Stadt Gießen und zu einem der bedeutendsten Industrieunternehmen Mittelhessens überhaupt – mit eigener Betriebskrankenkasse, eigener Betriebsfeuerwehr, Werkskantinen und sogar firmeneigenen Werkswohnungen für Mitarbeiterfamilien. Als in den 1960er-Jahren Arbeitskräfte fehlten, warb das Unternehmen gezielt in Südeuropa, unter anderem in der strukturschwachen Extremadura, an – ein frühes Beispiel für die Arbeitsmigration, die auch andernorts in Mittelhessen die Belegschaften prägte.
Über die reine Beschäftigungswirkung hinaus prägte die Familie Gail das gesellschaftliche und kulturelle Leben der Stadt maßgeblich mit. Der langjährige Firmenchef, Geheimer Kommerzienrat Dr. h. c. Wilhelm Gail, verstand seinen wirtschaftlichen Erfolg als Verpflichtung: Er wurde zum bedeutendsten Mäzen Gießens im sozialen wie kulturellen Bereich. Bis heute erinnert die Bezeichnung „Oberhessisches Museum und Gail’sche Sammlungen“ daran, dass die frühen Bestände der Gießener Museen wesentlich auf Erwerbungen und Schenkungen Wilhelm Gails zurückgehen. Die Gail’sche Tonwarenfabrik steht damit exemplarisch dafür, wie aus regionalen Rohstoffen, technischem Know-how und unternehmerischem Mut ein Unternehmen mit weltweiter Ausstrahlung entstehen konnte – und wie eng wirtschaftlicher Erfolg und gesellschaftliches Engagement in der Gründerzeit miteinander verflochten waren.
Welche Gebäude und Anlagen sind heute noch erhalten?
Vom einst weitläufigen, rund 16 bis 17 Hektar umfassenden Werksgelände entlang des Erdkauter Wegs, das durch die Bahnlinie Gießen-Gelnhausen in einen westlichen und östlichen Teil geteilt wurde, sind nur noch wenige Bauten erhalten. Als Kulturdenkmal nach dem Hessischen Denkmalschutzgesetz eingetragen ist das aus der Gründungsphase stammende Comptoir- und Wohngebäude am Erdkauter Weg 40: ein zweigeschossiger Klinkerbau im Stil des Historismus mit zwei hölzernen Schmuckgiebeln und einer aufwendig mehrfarbig gestalteten Klinkerfassade. Besonders die seitliche, beim Betreten des Firmengeländes zuerst sichtbare Fassade mit ihrem zweifarbigen, mehrfach gegliederten Überfangbogen über einem gotisierenden Drillingsfenster gilt als künstlerisch und handwerklich herausragend. Das Gebäude diente zunächst als Verwaltung, später als Laborgebäude und Wohnhaus und gilt heute als letztes bauliches Relikt des historischen Fabrikgeländes.
Daneben stehen das Eingangsgebäude und das Ringofengebäude unter Denkmalschutz – jenes markante, dreistöckige Bauwerk, das einst nach dem Prinzip des Hoffmannschen Ringofens konzipiert wurde und über Jahrzehnte das Herzstück der Produktion bildete. Die übrigen ehemaligen Produktionshallen, insbesondere von „Werk 1“, sind mit eingestürzten Dächern und verwüsteten Büros über Jahre dem Verfall preisgegeben gewesen und veranschaulichen bis heute, wie sichtbar Deindustrialisierung im Stadtbild wirken kann. Aus Sicherheitsgründen musste die frühere Werkskantine 1 vom Technischen Hilfswerk abgetragen werden; auch ein 52 Meter hoher ehemaliger Ziegelschornstein auf dem Gelände wurde gesprengt.
Der wirtschaftliche Abstieg begann Ende der 1980er-Jahre, als das Familienunternehmen in finanzielle Schwierigkeiten geriet. Der Keramikbereich wurde daraufhin mehrheitlich vom japanischen Keramikhersteller Inax übernommen, der wenig später mit der Boizenburg AG in Mecklenburg zur „Boizenburg Gail-Inax AG“ verschmolz. 1997 musste dieses Unternehmen aufgrund von Zahlungsunfähigkeit Insolvenz anmelden – betroffen waren rund 350 Arbeitsplätze am Standort Gießen und weitere rund 400 in Boizenburg. Der eingesetzte Insolvenzverwalter geriet später selbst in den Fokus der Staatsanwaltschaft, da aus der Insolvenzmasse des Keramikherstellers allein rund 14 Millionen Euro fehlten.
2002 übernahm der Unternehmer Iordanis Papassimeon mit Unterstützung der griechischen Piräus-Bank Teile der Konkursmasse; das Unternehmen firmierte fortan als „Gail Architektur-Keramik GmbH“, produzierte jedoch nur noch teilweise am Standort Gießen und bezog Fliesen zunehmend von anderen deutschen Werken. Trotz namhafter Großaufträge, etwa für die Asien-Spiele 2006 und das olympische Schwimmbecken in Peking 2008, geriet das Unternehmen in wirtschaftliche Turbulenzen und firmierte 2011 in „Gail Ceramics International GmbH“ um. Nachdem sich die Verluste ab 2012 kontinuierlich vergrößerten und das Geschäftsjahr 2016 mit einem Defizit von rund 180.000 Euro abschloss, musste Papassimeon 2017 den größten Teil des Betriebsgeländes verkaufen. Sein Plan, einen Teilbereich weiter zu nutzen, scheiterte; Ende 2017 wurde die Produktion in Gießen nach 125 Jahren endgültig eingestellt.
Welche Spuren finden sich heute noch im Stadtbild?
Nach dem Produktionsende verfiel das Areal über Jahre zu einem klassischen „Lost Place“: verlassene Hallen, geborstene Fensterscheiben, aufgeschüttete Tonklumpen und liegen gebliebene Palettenware zeugen bis heute von der einstigen Nutzung. 2018 übernahm zunächst die Berliner Intown Gruppe das Betriebsgelände, ohne dass zunächst ein tragfähiges Nutzungskonzept vorlag. Nach weiteren Eigentümerwechseln erwarb 2024 die in Gießen ansässige Roth-Gruppe mit einer eigens gegründeten Gesellschaft die letzte große innerstädtische Industriebrache der Stadt. Erste Pläne sehen eine Umwandlung in ein attraktives Gewerbegebiet binnen weniger Jahre vor. Im ehemaligen neuen Verwaltungsgebäude ist inzwischen ein Fitnessstudio eingezogen; auf dem östlich der Bahnlinie gelegenen Teil des früheren Werksgeländes betreibt die Firma Sekundärbrennstoff Mittelhessen GmbH seit 2008 eine Aufbereitungsanlage für Ersatzbrennstoffe.
Die Marke Gail selbst lebt weiter: Die „Gail Ceramics International GmbH“ ist heute in Pohlheim ansässig und lässt Keramikprodukte für Schwimmbäder, Fassaden und industrielle Anwendungen fertigen. Besonders bemerkenswert ist die Kontinuität in Brasilien – die 1972 im Umfeld von São Paulo gegründete Tochtergesellschaft in Guarulhos besteht bis heute und ist dort Marktführer für Architekturkeramik, während die Gießener Wurzeln des Unternehmens inzwischen nur noch im Denkmalbestand und in der Erinnerungskultur der Stadt sichtbar sind.
Warum ist der Standort ein bedeutendes Zeugnis der Industriekultur?
Die Gail’schen Tonwerke stehen wie kaum ein anderer Ort für 125 Jahre Industriegeschichte in Gießen – vom gewagten unternehmerischen Einstieg eines Zigarrenfabrikanten in ein völlig neues Geschäftsfeld über den Aufstieg zur Weltfirma bis zum wirtschaftlichen Niedergang und der bis heute andauernden Suche nach einer neuen Nutzung. Im Rahmen der „Tage der Industriekultur 2025“, organisiert vom Regionalmanagement Mittelhessen, meldeten sich in nur zwei Tagen über 100 Interessente Menschen (geplant war eine Führung mit 40 Personen) . Zweimal konnten dann 50 Besucherinnen und Besucher bei einer Führung mit dem Titel „Das Erbe Wilhelm Gails – Überbleibsel der ehemaligen Gail’schen Dampfziegelei und Tonwarenfabrik“ im Erdkauter Weg teilnehmen. Der Gießener Historiker Prof. Otto Volk führte dabei aus, welche drei Faktoren (hervorragendes Tonvorkommen, konsequenter Einsatz neuester Produktionstechnik sowie der langjährige Verbleib im Familienbesitz) den außergewöhnlichen Erfolg des Unternehmens begründeten.
Für die Industriekultur Mittelhessen ist das Gail-Areal damit ein Schlüsselort: Es macht anschaulich, wie eng technische Innovation, unternehmerisches Risiko und gesellschaftlicher Wandel in der Region miteinander verbunden waren und wie ein einzelner Betrieb aus Gießen tatsächlich Weltgeltung erlangen konnte.
– Zwischen 1956 (Melbourne) und 2008 (Peking) wurden insgesamt neun olympische Schwimmbecken mit Gail-Fliesen ausgestattet. Belegt sind unter anderem Melbourne 1956, die Olympia-Schwimmhalle München 1972, Montreal 1976, Atlanta 1996 und Peking 2008, wo sämtliche Wasserbecken mit Gail-Keramik ausgekleidet wurden.
– Der Bauhaus-Architekt Walter Gropius setzte Gail-Keramik in seinen Bauten ein. Ein Beleg dafür, wie sehr die zeitgenössische Architektur die gestalterischen Qualitäten der Gießener Baukeramik schätzte.
– Ein Modell der Werksanlage wurde 1893 auf der Weltausstellung in Chicago gezeigt und ist bis heute im Deutschen Museum in München zu sehen.
– 1980 arbeiteten rund 1600 Menschen für die Gail’schen Tonwerke in Gießen. Zeitweise war das Unternehmen der größte industrielle Arbeitgeber der Stadt, mit eigener Betriebskrankenkasse und eigener Werksfeuerwehr.
– Die 1972 gegründete brasilianische Tochtergesellschaft in Guarulhos bei São Paulo besteht bis heute und ist dort Marktführer für Architekturkeramik, während in Gießen selbst seit 2017 nicht mehr produziert wird.
– Vom einst weitläufigen Werksgelände ist heute vor allem das Comptoirgebäude am Erdkauter Weg 40 als Kulturdenkmal erhalten, ein letztes bauliches Zeugnis der einstigen Weltfirma.
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